Freitag, 5. März 2010

Abenteuer Bolivien








Reisen in Bolivien ist wirklich ein Abenteuer....


Von Salta ging es auf dem alten Königsweg der Inkas, heute Routa 9, zunächst entlang einer kurvenreichen Strasse durch ein jungleähnliches Bergland. Überall flatterten Schmetterlinge und die Zikaden zirpten so laut, dass wir zunächst dachten, unser Bus hätte schon wieder ein neues Problem.

Weiter gen Norden ging die Vegetation zunehmend zurück, so dass man an den Berghängen wieder die vielen verschiedenen Farben der Steine sehen konnte. In Purmamarca, dass für seinen Cerro de siete colores (Berg der sieben Farben) bekannt ist, schlenderten wir über den Kunsthandwerkmarkt und genossen mal wieder ein richtig schönes Abendessen in einem wirklich stilvollen Restaurant.

Auf der 9 gen Norden kommt man an weiteren ehemaligen Inka-Siedlungen vorbei. Die Ruinen von Tilcara können heute noch besichtigt werden, wobei es sich lohnt, einer Führung sich anzuschliessen, denn ohne Erklärungen wirken die Steinhaufen recht unspektakulär.

In La Quiaca, dem letzten argentinischen Ort vor der Grenze zu Bolivien, haben wir unser Auto noch einmal richtig mit Sprit aufgefüllt, denn es konnte uns bisher keiner verraten, ob man in Bolivien an Super-Benzin heran kommt, dem einzig wahren Futtermittel für unseren Lastgaul.

Bei der Einreise nach Bolivien fing schon das Abenteuer an. An der Grenze wuselten eine Unmenge an Menschen herum, warteten in einer kilometerlangen Schlage darauf, dass ihre Grenzformalitäten erledigt werden und der Beamte, der sich um unsere Papiere kümmerte, musste alles 3x durchlesen, bis er uns die Erlaubnis erteilte, dass wir mit dem Bus einreisen durften. Zum Glück mussten wir uns nicht in die Schlange einreihen, sonst hätte die Prozedur sicherlich einen Tag gedauert.


In Villazon auf der anderen Seite der Grenze herrschte ebenfalls ein Gewimmel an Menschen, von denen viele Indios waren und uns teilweise recht skeptisch beäugten. In der einzigen Bank im Ort holte Cornelius erst mal Geld aus der Wand, da man für die Benutzung der Überlandstrassen etwas bezahlen muss.


Eigentlich wollten wir die, laut unserem Führer gut ausgebaute Strasse nach Potosi nehmen. Allerdings existiert die Strasse im Moment nur als 200km lange Baustelle. Man wird ständig auf schlammige Nebenwege umgeleitet, von denen man aber schon mal einen Blick auf die frisch geteerte aber noch nicht befahrbare Strasse werfen darf. Das macht auf Dauer ziemlich mürbe, zumal die Schlammpisten durch die Regenfälle derart aufgeweicht sind, dass das Büssli eine ordentliche Fangopackung abbekommen hat, eine Art natürliche Hohlraumversiegelung. Der Kontrast zu Chile und Argentinien hätte hier in der ärmsten Region Boliviens nicht deutlicher ausfallen können – es kommt einem teilweise wie eine Zeitreise vor. Es fahren kaum Autos (aber die fahren dann wie die Henker...), wir sehen nur wenige Dörfer aus einfachsten Lehmhütten und sporadisch bestellte Felder. Zu allem wahrhaften Überfluss ist die Regenzeit dieses Jahr durch „El Niño“ besonders heftig ausgefallen, die Flüsse treten überall über die Ufer und überschwemmen Felder und Wege. Die Ernteausfälle in ganz Bolivien sind enorm, und es wird bereits eine Inflation durch die steigenden Lebensmittelpreise vorhergesagt. 


Die Menschen, die hier leben, sind durchweg Indios. Die Frauen tragen von den Spaniern übernommene Trachten aus der Kolonialzeit, und die Männer haben alle eine dicke Backe. Das hat aber (nicht nur) mit Zahnschmerzen zu tun – hier im Hochland kaut man Koka. Dazu zerkaut man bis zu 400 Blätter getrocknete Kokablätter zu einem faustdicken Ball und vermischt sie im Mund mit einem „Katalysator“, einer Art Kaugummi aus Kalk und Asche, die den Klumpen mit einem künstlichen Geschmack versetzt und die Koka-Wirkung begünstigt. (Medizinischer Beirat: Koka ist schmerzstillend, stimulierend, mindert Kälteempfinden, macht Hunger und Durst vergessen und hilft gegen die Symptome der Höhenkrankheit)

Nach einer sehr anstrengenden Fahrt sind wir in Potosi angekommen, der mit 4065müNN zweithöchsten Stadt der Welt (zur höchsten nach El Alto/La Paz fahren wir auch noch). Diese Stadt hat eine sehr bewegende Geschichte hinter sich, die noch heute nachwirkt. Hier sind am Hausberg Cerro Rico die grössten Silbervorkommen in der spanischen Kolonialzeit gefördert worden. Zur Zeit ihres grössten Booms im 17. Jh. lebten hier bereits 160.000 Menschen, mehr als damals in Madrid oder Paris. Unter unvorstellbaren Bedingungen sind Millionen von Indios beim Abbau des Silbers umgekommen, sei es durch körperliche Anstrengung, Unfälle durch Einbrüche oder Vergiftung durch Quecksilber, das zur Lösung des Silbers verwendet wurde (Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas). Bis heute wird der mittlerweile einsturzgefährdete Berg chaotisch durchlöchert, man findet allerdings nur noch wenig Silber, dafür Zinn und Zink. Wir haben uns die Minen bei einer kleinen Tour aus der Nähe angesehen – auch heute ist diese Arbeit das reinste Elend. Alle Mineros arbeiten auf ihre eigene Kappe und dürfen die Einnahmen aus ihren Funden behalten, weshalb der Rausch auf der Suche nach dem dicken Fund anhält. Nicht einmal 5% bringen es dabei zu Reichtum,  vergessen dann aber sofort ihre Herkunft, fahren mit dicken Autos herum und stellen andere Indios an, um sie für sich arbeiten zu lassen.

Offtopic: Dieser Berg hat uns in aller Deutlichkeit gezeigt, was wir schon häufig auf dieser Reise empfunden und beobachtet haben und was Folge der Kolonialzeit sein muss: das sich Erheben einer winzigen Herrscherschicht über die grosse Masse, die ohne Rücksicht und ohne Respekt ausgebeutet wird. Humanismus und Solidarität sind Ideal und Tugend der Zivilisation, die speziell für unsere Generation, die in einem stabilen und geeinten Europa aufgewachsen ist, so selbstverständlich ist. Hier sind sie bisher nur dort angekommen, wo es Bildung, Stabilität und breiter Wohlstand ermöglicht haben – nämlich in der Region um Santiago de Chile. Ansonsten fehlt es häufig schlicht an Bereitschaft zum Verständnis für den anderen. Das fällt uns dann auf, wenn wir Teil des Systems sind: im täglichen Strassenverkehr. Es vergeht nicht ein Tag, an dem wir als Ortsunkundige auf Suche nicht angehupt und abgedrängelt werden. Oder wenn wir – wie mehrmals am Tag – eine Frage haben und Leute ansprechen. Klar, das Klischee des südamerikanischen Menschenschlages: offen, warmherzig, hilfsbereit. Sie sind auch nie wirklich unfreundlich, aber bis man eine zufrieden stellende Antwort bekommt, sind häufig mehrere Anläufe nötig. Das ist sicher nicht nur fehlende Bereitschaft (und leider auch ein Mangel an Bildung), sondern das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Weltanschauungen. Z.B. kann man nur wenige in den eigentlich simplen Stadtstrukturen aus quadratischen Strassenblöcken mit einer Karte nach dem Weg fragen – die meisten können die für uns normale zweidimensionale Abstraktion nicht lesen, dafür orientieren sie sich räumlich und können aus dem Stegreif sagen, dass man nach drei Blöcken links und dann nach vier Blöcken rechts abbiegen muss, um zum Ziel zu gelangen.

Zurück zu Potosi: Die historische Innenstadt kann man sich gut zu Fuss anschauen. Wir haben uns gefreut, dass die Sonne schien und wir von den Dächern der Franziskaner-Kirche den Blick über die Stadt mit ihren vielen Kirchen geniessen konnten. Interessant sind die Portale der Kirchen, die von indigenen Künstlern gefertigt wurden. Durch die Durchmischung indigener und europäischer Motive wird ihre Arbeit auch Estilo Mestizo genannt. Die Führung durch die Moneda, der früheren Münze, ist nicht wirklich spektakulär. Der eingebildete, nuschelnde Gockel von Führer nervt auf die Dauer. Interessant fanden wir lediglich die Abbildung der Maria des Cerro rico, in deren Gewand die Geschichte des Berges dargestellt ist.

Eigentlich wollten wir von Potosi aus eine geführte Tour zum Salar de Uyuni und der Lagunenstrasse an der Grenze zu Chile machen, aber aktuell streiken die Busfahrer in Bolivien, weswegen die Tour vorerst ausfällt und wir uns entschlossen nach Sucre zu fahren. Die Busfahrer streiken, weil ein neues Gesetz vorsieht, dass sie auf Lebenszeit ihre Busfahrerlizenz verlieren, wenn sie mit Alkohol am Steuer erwischt werden. Wenn man bedenkt, dass Bolovianer mit Vorliebe 96%igen Alkohol trinken und viele Busse nachts über die oft schlecht ausgebauten Pisten heizen, wird es wohl seine Berechtigung haben. Jedenfalls mussten wir auf dem Weg nach Sucre 3x stoppen, da die Busfahrer die Strasse nach Sucre blockiert hatten.

Man merkt, dass in Sucre, der offiziellen Hauptstadt von Bolivien, mehr Geld ist und mehr „weisse“ Menschen leben. Die ehemaligen Kolonialhäuser werden jedes Jahr neu weiss gestrichen und es gibt Restaurants und Bars die recht europäisch anmuten. Leider kann man auch hier kein Super-Benzin tanken, weswegen wir nun den Einheitssprit mit einer Portion „Oktan-Booster“ hineingefüllt haben. Hoffentlich nimmt uns das der Bullimotor nicht übel. 


Da die erste Nacht in einem billigen Hotel hier nicht gefallen hat, sind wir nun in einem wahren Nobel-Hotel mit Museumscharakter abgestiegen: www.parador.com.bo
Der Preis für das Hotel würde noch nicht einmal für eine Hotelnacht in München reichen. Hier wird wirklich anders gerechnet...

Jetzt ist es nur schade, dass Cornelius etwas kränkelt und er die Unterkunft hier nicht richtig geniessen kann. Hoffentlich geht es ihm bald besser.

Samstag, 27. Februar 2010

Weit weg vom Beben




Aktuell sind wir in Salta und lassen noch einmal das vordere Getriebe checken, ob auch wirklich genug Öl drin ist. Dass wir hierher fahren, hatten wir ursprünglich gar nicht geplant, aber wie so oft entscheidet der Zufall bzw. der Regen, wo es lang geht....

Aber jetzt fangen wir erst einmal von vorne an: In San Pedro de Atacama haben wir einen Tag wegen der Hitze und der Höhenluft flach gelegen. Wir konnten uns nur noch am Abend dazu aufraffen, die hiesige Valle de la Luna bei Sonnenuntergang mit hundert anderen Touris anzuschauen.

Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich weiter zu den Tatio Geysiren fahren, aber Cornelius musste feststellen, dass die Idioten in der Werkstatt von Antofagasta uns zu viel Öl in den Motor gekippt hatten, was auch gut den schwarzen Rauch erklärte, der beim Starten aus dem Auspuff kam. Nachdem wir etwas Öl abgelassen hatten, liess sich allerdings die Ölablassschraube nicht mehr festdrehen und es tropfte Öl aus dem Motor. Bingo. Am Samstag haben natürlich keine Werkstätten auf. Also fuhren wir nach einem kurzen Besuch der wirklich nicht sehenswerten Inka-Ruinen bei San Pedro zur nächst grösseren Stadt Calama. Dort hatten wir uns mit Susi und Alex auf dem Campingplatz verabredet, die wir in San Pedro getroffen hatten.

Der Campingplatz in Calama bot uns eine eigene Cabaña (Hütte) mit eigenem WC, auf dem Cornelius eines abends einen platt getretenen Skorpion fand, den ich wohl unter meinen Flip-Flops kleben hatte...

Am Sonntag haben wir dann mal richtig das Auto geputzt, was Jakob, der kleine Sohn von Susi und Alex, wohl auch ganz gut fand und erst mal auf unsere Sitzbank strullte. Aber mit Wasser geht alles weg... :-)

Am Montag haben wir dann eine kleine Werkstatt gefunden, die unser Schraubenproblem lösen konnte. Mit dem eigenen Fahrrad fuhr der Mechaniker los, um eine passende Ersatzschraube zu holen, da unser Auto in der Einfahrt der Werkstatt stand, wo es repariert wurde und nichts anderes an ihm vorbei kam.

Nach einer Generalreinigung ging es dann zu grössten Kupfermine der Welt. Chuquicamata ist die grösste der vielen Kupferminen, die hier die Berge komplett umkrempeln, indem sie sie zermalmen, das Kupfer mit sehr viel Wasserverbrauch herausspülen und fein aneinander gereihte Sandhäufchen in der Wüste zurücklassen. Diese Mine ist schon über 1000m tief und man will unterirdisch noch mal so tief weiterbohren. Die Kipper sind mit 300t Ladekapazität immens gross, in der Grösse der Mine werden aber auch sie zu Spielzeugautos. Überhaupt erinnert die Mine sehr an den eigenen Sandkasten aus der Kindheit.
Chile als Kupferexporteur Nr.1 bestreitet seinen Staatshaushalt zu einem sehr grossen Teil aus den Einnahmen der z.T. verstaatlichten Minen, was das Land allerdings auch sehr abhängig macht vom Weltmarktpreis dieses begehrten Metalls.


Da man sich die Tatio Geysire (4300 m üNN) unbedingt bei Morgengrauen anschauen soll, übernachteten wir auf halben Wege auf 3400 m, um uns allmählich an die Höhe gewöhnen und um noch vor Sonnenaufgang den Rest der holperigen Sandpiste hinauf zu nehmen. Zum Abendessen gab es dann noch einen super kitschigen Sonnenuntergang...

Es ist unglaublich wie viele Minibusse um 4 Uhr morgens von San Pedro de Atacama voll gepackt mit Touristen starten, um bei Sonnenaufgang an den Geysiren zu sein. Um 7 Uhr stehen sich die Leute gegenseitig vor der Kameralinse und bei dem Licht kann man sowieso keine schönen Bilder machen. Ausserdem ist es um diese Uhrzeit hier oben recht kalt und erst nach 3 Pulloverschichten war mir angenehm warm. Um 9 Uhr wird es eigentlich erst richtig schön. Dann sind die meisten Touris schon wieder fort.


Die Piste nach San Pedro de Atacama hinunter ist richtig schlecht. Aber zwischendurch gibt es schöne Ausblicke auf die Vulkane und man kommt an Herden von Vicuñas vorbei. Vicuñas sind Verwandte der Guanacos. Sie leben wild und ihre Wolle gehört zu den teuersten Wollarten, da man sie nur alle 2 Jahre scheren kann.

In San Pedro de Atacama füllten wir noch einmal richtig unseren Tank voll und erledigten die chilenischen Grenzformalitäten, dann ging es los zum Paso Sico nach Argentinien. Den Abzweig nach Peine haben wir diesmal nicht genommen...


Auf dem Weg zum Pass schauten wir uns noch die Lagunen Miscanti und Miñiques (4300 m üNN) an, welche eigentlich an einem Bypass zur Passstrasse liegen sollten. Es stellte sich aber heraus, dass es nur eine Sackgasse war und man für die Mögichkeit Vicuñas beim Poppen zuzusehen auch noch Eintritt zahlen musste.

Wir übernachteten diesmal auf 3800 m üNN, denn am nächsten Tag sollte es auf 4500 m hoch gehen und solch einen dicken Schädel wie am Paso Aguas negras wollten wir nicht noch einmal riskieren.

Die Strecke über die Anden war wieder unglaublich schön. Wir kamen an Lagunen vorbei, in denen sich die Berge spiegelten und passierten in der grenzenlosen Weite Vicuña-Herden. In dieser Einsamkeit, in der kaum eine Menschenseele durchkommt, fehlten dem letzten chilenischen Kontrollposten wahrscheinlich schon so sehr soziale Kontakte, dass er uns glatt auf eine Tasse Kaffee einlud und die Argentinier untersuchten am Zoll unseren Wagen bis in alle Ecken. Auch wenn die Landschaft wirklich wunderschön ist, lassen die Strassenverhältnisse echt zu wünschen übrig. Hinzu kam, dass sich allmählich die Wolken verdichteten und wir nach über einem Monat mal wieder durch Regen fuhren. Nach einem Tag Komfortwäsche sah der Bulli wieder aus wie ein Schwein.


In San Antonio de los Cobres, dem ersten grösseren Ort auf der argentinischen Seite, wollten wir eigentlich die Ruta 40 gen Norden nehmen, um möglichst schnell nach Bolivien zu kommen. Aber durch den Regen war der parallel zur Strasse verlaufende Fluss ziemlich angeschwollen und hatte sich mehrfach auf der Piste mehr Platz gesucht. Auf allzu tiefe Wasserdurchfahrten hatten wir keine Lust, weswegen wir umkehrten und die Ruta „Tren de los Nubes“ in Richtung Salta nahmen, da diese Strecke zum grössten Teil asphaltiert ist.

Diese Entscheidung hat sich wirklich gelohnt, denn auf der Strecke wechseln sich die Landschaften auf spektakuläre Arte und Weise ab. Nach jeder Biegung änderten sich die Farben der Bergkulisse und je tiefer wir kamen, desto überraschend grüner wurde es. So grün und nass hatten wir uns Nordargentinien nicht vorgestellt.


Von dem schweren Erdbeben in Chile haben wir nichts mitbekommen, auch wenn hier ab und zu die Erde auch mal ruckelt.